Seit der Applekeynote vor einer Woche, auf der das iPad der wartenden Weltöffentlichkeit präsentiert wurde, geht es in Blogs hin und her. Applefans freuen sich einen Ast und notorische Applegegner sprechen schon jetzt vom grössten Flop der amerikansichen Designcomputerhersteller. Und dabei werden wieder alte Grabenkämpfe aufgerissen und neu geführt, als wenn wir das nicht schon mindestens 1000mal durchgekaut hätten:
Akt 1 – Der Hype:
Die Nerds sind gespannt. Und teilen sich wie immer in drei Gruppen, nämlich die Microsoft-Nutzer, die Mac-Jünger und die Linux-Fraktion.
Microsofties beklagen schon jetzt fehlende Kompabilität und lachen die Macuser mit so einem pubertär-quietschendem Jungenslachen aus, während sie mit dem Finger auf sie zeigen, bis ihnen einfällt das sie dringend zurück an ihren Rechner müssen um ihre WoW-Figur aufzuleveln. Sie wissen auf jeden Fall jetzt schon, was das Gerät alles nicht kann.
Die Mac-Jünger erwarten nichts weniger als die eierlegende Wollmilchsau. Dabei ist natürlich auch die Erwartungshaltung im Laufe der Zeit entsprechend gestiegen. Man möchte jetzt keine einzige Innovation mehr verpassen und sei es nur ein iTunes-Update. Blind wird auf Apples Fähigkeit gesetzt, alles richtig zu machen. Alibimässig unterstreicht man aber, das man sich auch mal kritisch über Apple äussere und das die Politik des App-Stores eigentlich gar nicht geht. Um sich kurz darauf eine neue App runterzuladen. Sie wissen auf jeden Fall jetzt schon, was das Gerät alles kann.
Die Linux-Fraktion ist enttäuscht. Enttäuscht von allen anderen Systemen um sie herum. Enttäuscht das noch niemand wahrgenommen hat, was sie längst wissen: Das nämlich ihr System allen anderen um Längen vorraus ist. Sie wissen gar nicht was da kommen soll, sind aber jetzt schon enttäuscht, das es nicht auf Linux läuft.
Wohlgemerkt: All das findet statt bevor überhaupt irgendjemand weiß, was da präsentiert wird. Dann ist es so weit: Die Katze wird aus dem Sack gelassen. Und jetzt geht es rund.
Akt 2 – Nach der Präsentation
Alle sind sich, ungewohnt, einig, was das Gerät alles nicht kann. Und was müssen gerade Kritiker immer tun? Am lautesten schreien natürlich. So wird also das Netz von einem Lautstärkeorkan der Nee-sayer heimgesucht, die wirklich bis in die Absurdität hinein argumentieren (Features, über die niemand sprach, werden als “gibts nicht” bezeichnet – nichtmal nur “vermutet”!) um mitzuteilen wie scheisse sie das Produkt finden. Es ist en gros so, das die Argumente schon vorher zu Recht gelegt zu sein scheinen und jetzt nur noch der endgültige Produktname, in unserem Fall das iPad, eingefügt werden musste. Und diesmal stimmen auch genug Apple-Fans mit ein um das ganze noch lauter wirken zu lassen. Sie sind enttäuscht, weil sie das Gefühl haben lediglich ein vergrössertes iPhone vorgesetzt zu bekommen haben. Linux-User sind übrigens auch enttäuscht, aber aus anderen Gründen (“Wie bitte? Wie kann ein modernes Device denn ohne Ubuntu ausgeliefert werden?”).
Akt 3 – Der Kauf.
Und dann liegt es endlich in den Läden. Und dann kann es jeder einmal anfassen. Und dann kaufen es am Ende doch wieder mehr, als es eigentlich wollten. Denn dann müssen sie feststellen: Ist ja doch nicht so doof gemacht.
So in etwa kann man sich das wohl vorstellen. Ich habe mir meine Meinung zum iPad noch nicht so richtig gebildet, möchte es natürlich ersteinmal in der Hand halten. Ich denke auch das es diesmal eher ein sehr amerikanisches Produkt geworden ist, denn wenn man ehrlich ist: Dieses Gedget wurde wohl in erster Linie konstruiert um den in USA sehr populären und verbreiteten E-Readern den Rang abzulaufen, wie die von Sony oder dem schon breit etablierten Kindle von Amazon. Apple bietet ja zum Launch des iPad auch einen neuen Online-Store an, in dem es ausschliesslich (digitale bis digitalisierte) Bücher zu kaufen geben wird. Eine Art iTunes für Literatur. Das zeigt einem relativ sicher, woher der Wind weht. Gleichzeitig soll natürlich auch noch der Markt der Klein-Computer, sogenannter Netbooks, mit abgedeckt werden.
Ich finde viel Kritik an dem Gerät berchtigt. Ich finde auch das eine USB-Schnittstelle ein wenig Standard sein sollte (wobei ich auch hier weiss, das es eigentlich für fast jede USB-Anwendung auch eine Wireless-Lösung gibt) und das das Gerät nicht mutitasking-fähig (mehrere Programme gleichzeitig laufen lassen) ist, ist ein Witz der, wie ich schätze, zur nächsten Version ausgemerzt sein wird. Aber das sind keine Gründe warum das Teil scheitern muss. Das sind auch keine Gründe warum ich das total schlecht finden muss. Ich denke nämlich, ähnlich wie Johannes Schardt drüben bei Spreeblick, das das iPad durchaus eine Berechtigung hat: Computern wieder einen Schritt einfacher machen und zugänglicher für alle. Das sehe ich durchaus gegeben, erklärt mir auch den Mangel an Optionen, den ich oben beklagt habe. Wie Johannes in seinem lesenswerten Artikel schreibt:
Und dazwischen sitzen wir, eine neue Minderheit. Zwar können wir Treiber installieren und Netzwerke konfigurieren, aber das wird keinen mehr interessieren. Die Zeiten, in denen Computer nur für uns gemacht wurden, sind passé.
So ähnlich seh ich das auch. Mich erinnert die Diskussion an noch eine ganz andere, die vor 2,3 Jahren geführt wurde. Damals ging es auch um ein neues technisches Gerät. Damals haben auch alle User, die schon vorher diese Art von Geräten benutzte, vor Release gesagt, das das nichts werden könnte. Das es zu viel anders macht, als etabliert. Das die Firma damit auf die Fresse fallen würde. Da waren sich alle sicher. Die Firma hiess “Nintendo” und das Produkt nannte sich “Wii“. Und hat nicht weniger gemacht als Videospiele zu revolutionieren und tief bis in die breite Masse zu tranportieren. Ich denke, allen Unkenrufen zum Trotz, das das iPad dieses Potential hat. Spätestens ab dem nächsten Update…:)
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