Endlich – es gibt wieder einen vernünftigen Grund nach Berlin-Mitte zu fahren! Danke, liebe Neurotitan Gallery, unser geliebter Fleck urban-politischen Widerstandes, der sich auf einigen der wenigen verbliebenen m² im Berlins Herzen befindet, der noch nicht von der hochinfektiösen Flagshipstore-Krankheit befallen wurde. Kurz hinter Hilfiger und gleich vor Starfucks führt ein kleines Tor in die kommerziell-befreite Zone.
Evol
Die aktuelle Ausstellung „Aerosol Fumes“ der fünf Berliner Stencil Artists Bohomaz , Czarnobyl, Emess, Evol & Pisa73 in den Galerieräumen der Neurotitan bringt Spaß. Wer sich für die Schablonenkunst und die Kultur des Kannenschüttelns interessiert, kann hier noch bis zum 6. Februar staunend feststellen, was die Technik alles sein kann: täuschend echt, bunt, bös, dekorativ, hässlich, laut, leise, politisch, poppig, perfekt, unterhaltsam.
Czarnobyl (li), Emess (re)
Lovely, denn im Prinzip kann man alles „stenciln“, die Vielfalt reicht von populärer Einfachheit bis zu haarkleiner Detailtreue. Der Betrachter ist automatisch gezwungen, sich immer wieder zu fragen: wie geht das bitte? Und vergisst dabei zu gern, dass alles mit Dose gesprüht wurde. Ob auf Holz, Stein, Pappkartons, klassischen Leinwänden, die Stenciltechnik verpflichtet sich keinerlei Medium und auch keinerlei Standortes, so dass die Frage und Diskussion nach „Galerie oder Straße?“ an dieser Stelle bewusst ignoriert wird. LAAAANGWEILIG.
Mit „evil“ Evol und „poser” Pisa73 sind zwei ganz persönliche Kannenhelden bei Aerosol Fumes vertreten – die Jungs wissen einfach sehr genau, was sie da tun und perfektionieren ihre Zunft.
Pisa73 , Artist, Designer & Betreiber der Superplan Gallery, war so freundlich sich einige knallharte Fragen stellen zu lassen. THX, dude.

IMG_1298-Kreator Foto: © Pisa73
Hallo…Pisa. Soll ich dich so nennen?
Der Richtigkeit halber könntest Du auch Pisa73 sagen, aber der Vorname geht auch.
Du malst seit? Was ist “Königsdisziplin”?
1990 habe ich angefangen mit Dose zu malen. Das mache ich zwar immer noch, aber nur noch selten frei, da ich mittlerweile hauptsächlich mit Schablonen arbeite. Wenn du das Wort unbedingt gebrauchen willst, wäre das die Königsdisziplin.
Du hast als Writer angefangen, jetzt bist mittlerweile du Gründer & Betreiber der Superplan Gallery. Wie hältst du es heute mit deiner Maleridentität? Sollen die Leute wissen wer Pisa73 ist oder bleibt das geheim? Hast du z.B. einem Galeriebesucher schon mal eins deiner Bild verkauft, ohne dich als “der” Künstler zu outen? Erzähl mal.
Mir ist es lieber zu sagen, dass ich mit Graffiti angefangen habe. “Writer” klingt mir zu sehr nach urbanem Rebell. Superplan war zunächst mal der Name unter dem ich Designjobs gemacht habe. In Berlin kam dann die Galerie dazu. Meine Maleridentität… ich hab ja nichts zu verstecken, von daher ist es eigentlich egal. Aber ich finde es angenehm, eine andere Identität zu haben. Absurderweise habe ich bei Ausstellungen schon öfter von mir in der dritten Person gesprochen, weil sich manches dann leichter erklären lässt. Wenn mir Leute irgendwie dumm gekommen sind, habe ich mich auch schon direkt verleugnet.
Seit wann sind Stencils für dich ein Thema bzw. seit wann arbeitest du damit?
So circa seit 2002 benutze ich Schablonen. Ich bin mache das inzwischen ziemlich emotionsfrei, die Dinger sind für mich genauso ein Werkzeug wie ein Stift oder eine Kanne.
Was macht für dich die Technik Stencil reizvoll und besonders?
Was ich darstellen möchte, kann ich nicht frei Hand, daher brauche ich ein passendes Werkzeug und Schablonen sind halt das Ding dafür. Ich mag an Stencils, dass sich die Bilder in einer Grauzone zwischen Illustration und Foto bewegen. Auf den ersten Ausstellungen vor ein paar Jahren waren viele Besucher der Meinung, dass es sich um Siebdrucke handelt. So wie ich mittlerweile mit Schablonen male, gefällt mir besonders, dass die Bilder das Auge des Betrachters total verarschen und insofern sind dabei auch Schablonen was besonderes, weil sich das Ergebnis anders nicht erzielen ließe.
Gib mal bitte dein persönliches Statement zu den Schlagworten “Berlin und Urban Art” ab.
Was soll man dazu sagen? Ich will mich nicht in Rage reden…dankenswerterweise hast du nicht Street-Art gesagt, sonst hätte ich auf die Tastatur gekotzt.
Mit “Aerosol Fumes” präsentieren sich fünf Berliner Artists mit sehr individuellen Styles & Backgrounds in einer Ausstellung. Wie kam es zu der Selection? Was macht jeden von euch so eigen?
Die Auswahl kommt größtenteils von Steffi vom Neurotitan. Als wir drüber gesprochen haben, ist dann das jetzige Line-Up rausgekommen. Was uns eigen macht ist, dass jeder von uns schon lange mit dieser Technik arbeitet und sie auf eine besondere Art anwendet. Jeder von uns hat mittlerweile weiter gedacht, wie man mit Schablonen arbeiten kann.
untitled/So ein Scheiss Pech Foto: © Pisa73
Eines meiner Favourites der Ausstellung ist “untitled/So ein Scheiss Pech”, selbst wenn da alle Alarmglocken losgingen: “Da sieht man ja `ne M*****!” Nacktheit und Obrigkeit sind Themen, die bei dir immer wieder auftauchen. Magste mal erörtern?!
Eigentlich sind es Symbole für Macht. Macht über andere wird z.B. durch Waffen symbolisiert und Autos sind Symbole für Status oder Wirtschaftliche Potenz. Mit der Darstellung von Nackheit meine ich in meinen Bildern Sex und Sex ist ein erhebliches Machtinstrument auf vielen verschiedenen Ebenen.
Und jetzt bitte noch dein ganz persönliches Lieblingspiece.
Hmmm… schwierig. Tatsächlich mag ich das oben erwähnte “untitled/So ein Scheiss Pech” sehr gerne. Es gibt eigentlich keine richtige Geschichte dazu, was ich auch gut finde, das Bild ist das Ergebnis von freiem Skizzieren und schließlich bin ich meinem Bauchgefühl gefolgt. Das mag ich dran. Ansonsten gefällt mir von den neuen dunklen Arbeiten “IMG_4517 – Irvine Alley” weil so ruhig aussieht. Das zugrundeliegende Foto stammt aus der Gasse hinter einer Galerie in Washington und hängt meistens in einer Gruppe von Bildern die dynamisch und aggressiv sind. 4517 wirkt auf mich fast wie ein altes Gemälde.
IMG_4517 – Irvine Alley Foto: © Pisa73
Und was steht bei dir als Nächstes an?!
Oh, jede Menge steht an: im Superplan zunächst Mal am 19. Februar die Einzelausstellung von PABO. Und ich selbst bin Anfang März bei der Art Karlsruhe und dann im Mai mit dem Superplan Studio bei der STROKE.02 in München, wo BASE23 und ich auch live malen werden.
AEROSOL FUMES
Bohomaz | Czarnobyl | Emess | Evol | Pisa73
Neurotitan Shop & Gallery
im Haus Schwarzenberg, Rosenthaler Str. 39, 10178 Berlin-Mitte
läuft noch bis 06.02.2010!
mo-sa: 12-20h
so: 14-19h
abgelegt in: Allgemein, Berlin, Kunst und Design, Streetart ![]()












































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