Seit Jahren geistert das Schlagwort der ‚Tonträgerkrise’ durch die Einschätzungen der Musikmarktexperten und die Schlagzeilen der entsprechenden Branchenblätter. Natürlich, wir stecken de facto mittendrin. Der Tod der CD ist beglaubigt, im Prinzip liegt sie halbtot röchelnd auf dem Sondermüllfriedhof, sich bis in alle Ewigkeit der Zersetzung verweigernd.

Dream Cube Shanghai Expo 2010

Kleine Notiz am Rande: Natürlich sind Cds nicht völlig nutzlos geworden, immerhin kann man aus den Trays Expo-Pavillions bauen.

Aber davon abgesehen will ihnen kaum noch jemand Coolnessvorsprung oder Revivalchancen einräumen. Nicht so wie den Musikkassetten, die seit geraumer Zeit ein Underground-Comeback erleben und von eigens darauf spezialisierten Tape-Labels wieder ausgegraben werden. Und bei weitem nicht wie bei der Vinylschallplatte, die natürlich nie wirklich weg war, deren Verkaufszahlen sich aber seit dem Anbruch der MP3-Hegemonie und dem Niedergang der CD ganz erfreulich stabilisieren. Gewiss, Vinyl ist kein zukunftsfähiges, sondern ein Liebhabermedium. Es ist ein nostalgisches Relikt, in dessen Renaissance sich die reaktionären Spleens der älteren Semester („Ich brauche was zum Anfassen!“) bündeln und das folglich den zweiten Frühling erlebt, bis die Generation iPod es irgendwann aus dem kollektiven Gedächtnis herausgeshuffelt hat. Aber in einer Gegenwart der sich immer weiter verkürzenden Halbwertzeiten von Trägermedien (auch der Tod des iPods wird bereits prophezeit), ist der Schwundaufschub der großen schwarzen Scheibe eines der wenigen beruhigenden Zeitzeichen. Insbesondere vor dem Hintergrund der Tatsache, dass Vinyl nicht mehr ausschließlich der unvergleichbaren Soundtiefe und der Rezeptionspraxis wegen gepresst wird. Selbst ein großer Teil der Schallplattenverfechter ist einfach zu faul geworden, nach gut zwanzig Minuten zum Turntable zu laufen und die Platte umzudrehen. Viele Labels bedienen die neuen Hörgewohnheiten und legen den Vinyls Coupons zum kostenlosen Download der enthaltenen Musik bei. MP3 für den Praxisgebrauch, das Medium für den ästhetischen Mehrwert. Das MP3 wandert ins iTunes, die LP in den Plattenschrank. Damit wurde das Trägermedium auf groteske Weise von allen Funktionalitätsbedingungen befreit. Es muss nur noch schön aussehen, möglichst limitiert sein und das Gewissen des Besitzers dahingehend beruhigen, dass er das Stück Musik eben tatsächlich besitzt und er es qua Plattensammlung auch jedem beweisen kann. Kurz gesagt: Eine Schallplatte hat heute keinen Nutzen mehr außer den, sich auf sie einen runterholen zu können. Das klingt vielleicht hart, aber hey, Fetische dieser Art sind doch das normalste der Welt. Und es gibt einen interessanten Nebeneffekt. Da Schallplatten eigentlich nur noch gut aussehen müssen, tun sie genau das in besonderem Maße. Besonders üppig ausgestattete Vinyleditionen sind kaum noch auf den Die-hard-Fan zugeschnittene Sonderformate, sondern in den Neuheiten-Regalen der Plattenläden beinahe schon Normalität. Beispiel gefällig?

Exhibit A: Sufjan Stevens – The BQE

Normalerweise durchmessen die Alben des Singer/Songwriters ganze US-Bundesstaaten. Nachdem er „Michigan“ und „Illinoise“ (sic!) aufnahm, machte er sich immer wieder einen Spaß daraus, Gerüchte darüber zu streuen, er hätte für jeden der 50 Bundesstaaten ein Album in Planung. Die Neigung zum Größenwahn legt er auch dann nicht ab, wenn er sich zwischen den regulären Albumveröffentlichungen anderen Projekten widmet. Wie zum Beispiel dieser Aufnahme eines Orchesterstückes, das – Achtung! – durch den Brooklyn-Queens-Expressway und – noch mal Achtung! – den Hula Hoop-Reifen angeregt wurde. Die Suite wurde im Jahr 2007 im Rahmen einer audiovisuellen Performance in der Brooklyn Academy of Music aufgeführt und vor kurzem wurde die Veröffentlichung hinterher geschoben, die ihrerseits die eine oder andere multimediale Ebene hinzufügt.

Die LP steckt in einem schönen, rundum bedruckten, dreiteiligen Gatefold.

Um auch nicht-New Yorkern die „Psychedelic Glory“ der Dauerstau-geplagten Schnellstraße vor Augen zu führen, liegt der Platte ein 32-seitiges, vollfarbiges Booklet mit Collagen aus Fotomaterial und exzentrischen Typografien, bzw. Form-Assoziationen bei, das Stevens höchstselbst mit einem ausufernden Essay über den Expressway anfüttert.

Das scheint dem Kreativität-sprühenden Alleskönner aber noch nicht gereicht zu haben. Als weitere Dreingabe gibt es einen 40-seitigen Schwarzweiß-Print des „Super Teenage Hooper Heroes“-Comics, dessen aberwitzige Story natürlich ebenfalls von Stevens selbst stammt.

Sufjan Stevens – The BQE ist bei Asthmatic Kitty Records erschienen.



Exhibit B: Joanna Newsom – Have One on Me

Bereits das letzte Album der gefeierten Harfe-zupfenden Songwriterin war Aufsehen erregend verpackt. In der Tendenz zum Opulenten Sufjan Stevens durchaus die Hand reichend, war die bisherige Diskografie der Amerikanerin eigentlich nur durch eines zu krönen: durch ein Dreifach-Album.

Entsprechend sind drei Schallplatten enthalten, jeweils mit Kontrast-satten Portraits auf der einen und der jeweiligen Tracklist auf der anderen Seite.

Zusammen mit einem achtseitigen Textheft werden die Tonträger von einem barock illustrierten Karton zusammengehalten.

Joanna Newsom – Have One on Me ist bei Drag City erschienen.

 

abgelegt in: Allgemein, Musik Bookmark and Share

Zu diesem Artikel
gibt es bisher noch keine Kommentare

Du kannst kommentieren, oder einen Trackback von deinem Blog aus setzen.

Diesen Artikel kommentieren