andreas.richter

andreas.richter schrieb am 01.02.2010:

MULTITASKING EINMAL ANDERS – JOHNNY JEWEL

 

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Es ist noch nicht lange her, da waren Glass Candy und Desire zu Gast beim Workspace in Berlin. Gerade Glass Candy darf man guten Gewissens als Vorreiter des Disco-Revivals der letzten Jahre begreifen. Auch Desire sind dieser Bewegung beigesprungen, blicken aber im Vergleich zu Glass Candy auf eine verhältnismäßig kurze Geschichte zurück. Desire ist ein weiteres Projekt des Johnny Jewel, der eben auch bei Glass Candy federführend ist, der noch bei Chromatics spielt, der mit Mike Simonetti  an seiner Seite Italians Do It Better schmeißt, das in den letzten Jahren beachtlich (und zu Recht) gehypte Label all dieser Acts und der, um die Sache rund zu machen, im Prinzip die gesamte Musik der Italians-Releases produziert.



Möglicherweise kam es zu Desire, weil all die anderen Baustellen noch nicht ausfüllend genug waren. Möglicherweise, weil er der Zeit, die er mit der charmant durchgeknallten Ida No in Glass Candy verbringt, eine kreative Relativierung in Zusammenarbeit mit seiner Freundin Megan entgegen stellen wollte, die bei Desire die Vocals übernimmt. Vielleicht hat es auch einen anderen Grund, zugegeben: wir haben vergessen zu fragen. Dafür konnten wir ihm vor dem Auftritt im Rahmen des Club Transmediale am vergangenen Freitag ein paar andere Fragen stellen und Megan verriet uns sogar in einem unbeobachteten Moment, was es mit dem Bühnen Make-up der fünf Punkte unter Johnnys Augen auf sich hat. Jeder davon steht für eine Ex-Freundin.

Johnny, du spielst heute mit Desire und Glass Candy im Rahmen der Transmediale. Ist dir das Festival ein Begriff?

Ich bin abergläubisch, ich versuche allen Informationen über die Clubs oder Veranstaltungen, auf denen wir spielen, aus dem Weg zu gehen. Aber wie es aussieht, ist das hier eine ziemlich coole Veranstaltung. Ich bin großer Fan von Charlemagne Palestine. Ich habe gerade herausgefunden, dass er auch auftritt. Aber normalerweise weiß ich nie, wo wir spielen, bis wir landen und ich denke maximal einen Tag voraus. Auf diese Weise bewege ich mich mehr im Moment und muss mich um all die anderen Dinge nicht kümmern.

Glass Candy – Digital Versicolor auf Youtube

Mit welchen Projekten bist du momentan beschäftigt?

Ich arbeite immer an allen Projekten gleichzeitig. Momentan arbeite ich simultan an ca. 60 Tracks. Ich mache mal hier etwas, mal da etwas, je nachdem wie ich mich fühle. Aber die meiste Zeit nimmt gerade eine neue Italians Do It Better Compilation in Anspruch. Es werden 18 exklusive Stücke von Glass Candy, Desire, Chromatics, Mirage, Farah und noch ein paar anderen Künstlern drauf sein. Das gesamte Material wird exklusiv für die Compilation geschrieben. Sie wird eine ganz besondere Dynamik bekommen. Da ich die Musik für eigentlich alle Italians-Acts mache, kann ich den ersten Track komponieren und weiß schon, wie es danach mit dem zweiten weitergeht. Das Album hat also eine Dramaturgie, obwohl verschiedene Künstler drauf sind. Mit Glass Candy haben wir auch wieder genug Material für ein Album, wir entwickeln es aber gerade on tour. Ida braucht manchmal eine Weile, um sich mit einem Song richtig wohl zu fühlen. Früher haben wir mitunter Songs released, mit denen sie noch nicht so richtig zufrieden war, darum lassen wir uns diesmal etwas mehr Zeit und geben den Songs die Möglichkeit, auf Tour zu reifen. Die Beats sind alle fertig, aber mit den Vocals experimentiert sie noch. Sie improvisiert viel und wenn mir auf der Bühne irgendetwas besonders gefällt oder gar nicht gefällt, sage ich es ihr und so kommen wir langsam dem fertigen Song immer näher. Und dann arbeite ich noch am nächsten Chromatics-Album. Das sind die drei wesentlichen Hauptbeschäftigungen momentan.

Wie behältst du bei 60 Songs den Überblick? Wie entscheidest du, welcher Beat zu welchem Projekt passt?

Glass Candy ist eher funky und aggressiv. Die Chromatics-Songs schreibe ich eher für Gitarreninstrumentierung. Die Songs gehen auch eher in die repetitive und monotone Richtung. Desire braucht Popsongs, Lovesongs. Es klingt noch am ehesten nach Indie Electronics. Das sind die wesentlichen Unterschiede. Aber normalerweise spüre ich es einfach, für welche Band ein Beat bestimmt ist. Bei Glass Candy kommen normalerweise auch die Lyrics als erstes und ich füge dann einen Beat hinzu. Bei Chromatics basiert die Musik meistens auf einem Riff. Bei Desire steht am Anfang ein textliches Motiv, das irgendwas mit Liebe zu tun hat. Da beginnt alles mit einem Konzept und später kommt die Musik. Außerdem ist es meistens so: wenn sich ein Song sehr ungewöhnlich entwickelt, wird es meistens ein Glass Candy-Song. Glass Candy ist eher unkonventionell und Chromatics und Desire entsprechen schon eher einem gängigen Verständnis von Pop.


Wie kam es eigentlich zu der Zäsur, die dich von deinem früheren Musikverständnis hin zu Discosounds geführt hat?

Ich habe eigentlich immer experimentelle Musik gemacht, in etwa seit den Mittneunzigern. Es war aber schon Noise und experimentelle Musik, die auf Synthesizern basierte. Als ich dann Ida traf, versuchte ich zum ersten Mal, in konventionellen Songstrukturen zu arbeiten. Ich hatte keine Ahnung, wie Rockmusik funktioniert, aber Popmusik war auf einmal sehr faszinierend. Ich begann mit diesem Set-up Gitarren und Drums auf der einen Seite und Synthesizers auf der anderen. Das war wohl der entscheidende Moment. Ich fühle mich beim Schreiben am Klavier viel sicherer, da fällt es schwer, einen Rocksong zu schreiben. Pop funktioniert so aber wirklich gut. Irgendwann begann ich dann, experimentelle und atmosphärische Elemente in diese Popstrukturen einzuarbeiten und dann hatte ich das Gefühl, dass es wirklich losgeht. Das war so im Jahr 2003. Das würde ich so als den großen Durchbruch für mich persönlich bezeichnen. Da haben wir mit Glass Candy eine sehr Synth-lastige 12“ rausgebracht und dann hat es noch mal vier oder fünf Jahre gedauert, bis die Leute begannen es zu mögen. Es fühlt sich mittlerweile wie eine ganz andere Zeit an. Sieben Jahre ist in Sachen Musik mittlerweile eine echt lange Zeit. Damals galt es ja noch als total cheesy, Drummachines zu benutzen. Damals habe ich überlegt: ‚Sind das zu viele Streicher, kann ich das so machen?’ Aber heute ist es ja total egal. Mittlerweile gehe ich eher den entgegen gesetzten Weg und mache die Dinge wieder minimalistischer. Viele Leute benutzen gerade sehr orchestrale Sounds, was es für mich wieder weniger interessant macht. Ich suche immer nach Herausforderungen. Als ich zum ersten Mal Streicherarrangements aufnahm, war das unglaublich schwierig und gerade deswegen hat es mich so gefesselt.

Du produzierst nach wie vor alles analog, oder?

Ja, komplett. Bis auf eine Sache: ich mag digitale Hi-Hats. Sie klingen viel sauberer. Bei vielen meiner alten Drummachines haben die Hi-Hats zu viel Noise. Die digitalen klingen kristallklar. Und ich mag das irgendwie. Ich mag die Drums sehr physisch und die Becken eher klar.

Bist du denn gar nicht neidisch auf Produzenten, die nicht viel mehr als einen Rechner brauchen?

Das bin ich tatsächlich. Es hat so viele praktische Vorteile. Du sparst sehr viel Zeit und auch Geld. Viele Leute können unterwegs arbeiten, ich kann das nicht. Ich kann nur Musik machen, wenn ich im Studio bin. Andererseits bin ich nicht bereit, diesen Kompromiss zu machen. Ich finde einfach nicht, dass der Sound von Plug Ins mit echten Instrumenten oder Synthesizern vergleichbar ist und darum bleibt wohl weiter alles wie es ist.

Desire – Under your Spell live auf Youtube

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