Vergänglichkeit und Verfall sind immer wieder Thema in Sachen Street Art. Verständlicherweise, schließlich halten manche Werke noch nicht einmal so lange, wie es gedauert hat sie irgendwo anzubringen.
Im Jahre 2008 widmeten sich die beiden namhaften norwegischen Street Art Künstler Dolk und Pøbel eben diesen Thema. Sie begannen auf den Lofoten Inseln, hoch oben im Norden Norwegens, große Wandbilder auf Fronten von verlassenen Häusern zu pinseln.
Diese erstklassige Street Art würde aber an diesem verlassenen Fleckchen Erde nicht nur sowieso kaum jemand zu Gesicht bekommen, nein, die Künstler waren sich auch von vornherein darüber bewusst, dass die Häuser kurz darauf abgerissen werden würden.
Vor wenigen Tagen erschien nun eine 24-minütige Doku über dieses Street Art Projekt:
INSA ist ne coole Sau. Der hat seine eigene Bildsprache gefunden, ein Piece von dem erkennt man unter Tausenden anderer Grafittis sofort. Das ist ja eigentlich das derbste, was dir als Writer passieren kann, das ein interessierter Laie (so wie ich) deine Sachen sofort erkennt. An der Stelle also schonmal ein riesiges, fettes CHECK.
- Dann hat der Typ auch noch so coole Aufträge, wie eine eigene, kleine aber supernice Kollektion für Nike zu entwerfen, die dann mit fettem Launch gefeiert wird. Also auch hier: CHECK.
- Und dann hat er auch noch ein eigenes Heels-Label, dessen Aufgabe es ist sexy Stöckelschuhe für sexy Ladies zu designen und zu vertreiben (und einen sexy Katalog dazu zu machen). Da bleibt mir natürlich auch nur ein: CHECK.
- Und dann macht der Grafittis, die er fotografiert, ändert, nochmal fotografiert und dann als Gif ins Netz stellt. Nicht das ich nicht schon geniale Grafitti-Kurzfilme gesehen hätte, auf denen die ganze Wand lang animiert wird, aber das hier funktioniert eben als kleines, animiertes Bildchen. Das find ich schon sehr groß. Und hypnotisiert wird man davon scheinbar auch. Deswegen: Eigene Grafitti-Bilder im Netz auch für Nicht-Kenner interessant machen? CHECK.
Ich steh ja auf Kunst im öffentlichen Raum. Na gut, das ist etwas zu allgemein formuliert. Ich steh auf gute Kunst im öffentlichen Raum, die sich für mich in erster Linie dadurch auszeichnet, das sie sich ihrer Umgebung anpasst und erst auf den zweiten Blick entdeckt werden kann, anstatt sich wie ein Alien zu verhalten, das sich ins Auge des Betrachters drängt und schreit: BEACHTE MICH! Das ist vielleicht eine etwas konkretere Beschreibung. Stimmt vielleicht auch nicht hundertprozentig, kommt meiner Vorliebe aber dennoch deutlich näher. Oder, um es noch konkreter zu machen: Ich liebe die Arbeiten von Helmut Dick!
Helmut Dick ist 1969 in Bonn-Duisdorf geboren – übrigens 7 Jahre bevor ich genau an dem gleichen Ort zur Welt gekommen bin. 2001 hat er dann seinen “Master of fine Arts” in Amsterdam gemacht und seitdem schon so einige Installationen in die Öffentlichkeit integriert. Dazu gehören so schöne Sachen wie eine “FC-Hochburg“, die mich als Köln-Fan natürlich besonders freut oder sehr gelungen finde ich auch die “Sheep-Prothesis“, bei der jemand mit einem halben Schaf an Stelle des Kopfes rumläuft (da bekommt der Name “Schafskopf” eine völlig neue Bedeutung…:)).
Meine absolute Lieblingsarbeit aber ist “The single Family-House Rhizome“, eine Installation wie ich sie, wie eingangs erklärt, besonders gerne mag. Denn im ersten Moment hält man sie gar nicht für ein Kunstwerk oder etwas bewusst künsterlisches. Vermutlich fällt sie einem als erstes gar nicht besonders auf und wenn, dann könnte man meinen, das ist ein Behälter für, meinetwegen, Salz im Winter, oder sowas.
In Wirklichkeit ist es aber eine Art Fortsatz. Und zwar des Hauses gegenüber. Nur eben noch nicht ausgewachsen. EIn kleiner Ableger. Aus dem vielleicht mal ein großes Haus wird, man kann sich aber nicht so sicher sein. Die kleine Version hat alles, was die große auch hat: Die gleiche Farbe auf dem Putz, ein kleines, sorgfältig gedecktes Dach und ein kleines Fenster mit den gleichen Rolladen davor. Nur ist es eben auf der anderen Strassenseite. Nicht mehr auf dem gleichen Grundstück. Und nicht mehr fester Bestandteil des “Mutterhauses”.
So eine Arbeit lässt sich natürlich auf vielfältige Weise lesen. Es geht um Verbreiterung von Lebensraum, vom menschlichen okkupieren neuer Räume zum Beispiel. Es kann aber auch als Kritik an dieser schrecklichen Neubau-Architektur gelesen werden, da die Arbeit in einer anscheinend komplett neu erstandenen Siedlung steht. Vielleicht ist das aber auch sehr persönlich gemeint: Ich mag ein Haus haben, das heisst aber nicht das ich mich nicht noch erweitern könnte. Optisch ist die Arbeit sicher unspektakulärer als zum Beispiel das Schaf, das in einer Kiste den Fluss runtertreibt, hat aber für mich so viele Ebenen, das ich mir da stundenlang meine Gedanken zu machen könnte. Weitere Arbeiten bitte auf Helmut Dicks Seite bestaunen. Die einzige Frage, die sich mir noch stellt ist: Was machen die Hebammen in Bonn-Duisdorf anders? :)
Der in Südadfrika geborene und in Berlin lebende Streetart-Künstler Robin Rhode ist für seine verspielten Ansätze bekannt. Seine Kunst ist eine Mischung aus Happening, Fotografie und Video, in Verbindung mit zeichnerischen Versatzstücken. Thematisch setzt er sich sowohl mit sozialkritischen als auch ungezwungenen Betrachtungen der Jugendszene um Johannesburg, insbesondere Soweto, auseinander. Als ein mit Apartheid, Gewalt und Rassismus aufgewachsenes Kind haben die Arbeiten Rhodes immer auch einen autobiographischen Hintergrund.
Er schafft es, mit einfachsten Mitteln kreative Geschichten zu erzählen und diese auf Fotos festzuhalten. Ein paar seiner schönsten Arbeiten findet Ihr nach dem Jump:
Bevor die großartige ATM Galerie demnächst in eine wohlverdiente Sommerpause entschwindet, hat man sich dort noch flugs ein paar Urban Artists aus Hamburg für die aktuelle Ausstellung Quantomirokaze geangelt, die sich beide auf dem Metier der Schablonenmalerei auszeichnen [sic].
Bis zum Ende dieser Woche könnt ihr in der Brunnenstraße 24 also noch einen Blick auf die jüngsten Werke von Dash3Ultra werfen, der ebenfalls als Hauptakteur der Hamburger Stencil Crew ASA (Altona Stencil Artists) gilt und dessen Markenzeichen in erster Linie aus pixeligen Antihelden besteht. Menschen also, deren traurige Berühmtheit in der Beteiligung an düsteren historischen Begebenheiten wie dem Atombombenabwurf auf Hiroshima (einem Ereignis, das übrigens demnächst 65 Jahre lang her sein wird) oder auch dem Beginn des Irakkriegs beruht.
Der zweite Künstler im Ausstellungsbunde steht keineswegs da rum, sondern trägt lediglich den hübschen Namen mittenimwald. Er selbst nennt die Werbebranche seinen Arbeitshintergrund, was sich in seinen Werken auch unverkennbar niederschlägt. Die Paste-Ups verbinden Elemente des gepflegten Konsumterrors mit popkulturellen Anspielungen, Punk und modernen Schönheitsidealen. Und wer hätte schließlich gedacht, dass man so aparte Themen wie Armut, Hunger und Mettwurst in solch ansehnliche Nicht-Gewänder stecken kann? mittenimwald war jedenfalls schon Punkrock, da war Punkrock noch kommerziell! Aber am besten überzeugt ihr euch selbst vom Ergebnis dieser gelungenen Ausstellungskollaboration…
Ich bin so aufgeregt! Nächsten Freitag ist Jubiläumsausgabe von MOTW! Hurra! Vorher aber wieder feinsten Prokrastinationsstoff für dieses Wochenende:
- MIt der Tatstatur kann man so ziemlich jedes Teil auf diesem Schreibtisch aktivieren, das dann in einem Loop immeriwieder dasselbe tut, bis man die dazugehörige Taste nochmal drückt. Dann hört es nämlich auf. Diese Beschreibung lässt sich auch kürzer zusammenfassen: Einmal geladen – Zeit vergessen.
- Das Video wurde erst vor einer Woche hochgeladen und hat schon ÜBER EINE MILLIONEN VIEWS?!?!?!?!?!
Zu Recht, sagt da der Meme-Experte, zu Recht:
- Eine Bierflasche, die kriege ich immer und überall auf. Mit einem Handy, einem Feuerzeug, einem Kasten, einer Ecke, einem Stück Papier, einer anderen Bierflasche, whatever. Bei einer Flasche Wein aber, da war die Sache für mich bislang trickier. Als ich noch jung un dverrückt war, da haben wir uns in der Not auch schonmal mit “Flaschenhals abschlagen” beholfen, aber mal ehrlich: Das geht doch nicht. Da muss ich mich noch heute wegen schütteln, ganz abgesehen von dem eher uncoolen “Thrill” ob man vielleicht kleine Splitter mittrinkt. Nein, nein. Es gibt eine deutlich stilvollere Methode, für die man nur eins braucht: Seinen Schuh!
- Die Musik der Woche ist diesmal eine ganze EP, die man sich anhören kann, inkl. eines Downloads. “Kraftklub” heisst die Band aus Chemnitz und die vermischen im weitesten Sinne Indiepop (bzw. dessen Instrumentierung) mit Rap und das in so einer perfekten Mischung, mit super Punchlines, einem guten Gespür für Hooks und in einer Freshness, das man ruhig sagen darf: Ja, darauf habe ich gewartet. Und deswegen sage ich an dieser Stelle: Ja, darauf habe ich gewartet. Vor allem auf den Song “Scheiss Indie-Disco” oder war es “Scheiss in die Disco”? (Und ja, ich weiß das “Witze erklären” das lameste ist, zu dem ein Mensch im Stande sein kann, aber in diesem Fall konnte ich mich nicht zurückhalten…:))
240, 18, 584 – das waren die Glückszahlen für Papergirl in diesem Jahr (Kollege Bokelberg schwärmte bereits vorab). 240 Künstler nahmen an unserem offenen Aufruf teil und schickten ihre Werke ein, damit wir sie zunächst ausstellen und dann verschenken konnten. 240 Künstler aus 18 verschiedenen Ländern, die sich alle an einem Ort, der Neurotitan Galerie in Berlin, vereint fanden. 240 Künstler aus 18 verschiedenen Ländern, deren Werke insgesamt die unglaubliche Anzahl 584 Rollen ergaben. Das Papergirl Team hätte sich die 5. Ausgabe des Projekts und dieses charmante kleines Jubiläum wahrhaftig nicht schöner vorstellen können.
Was beinahe ein ganzes Jahr Vorbereitungszeit brauchte und viele spannende Programmpunkte sogar zum Papergirl Festival werden ließ, kulminierte am vergangenen Sonntag, dem 18. Juli 2010, schließlich in den Straßen Berlins. Mitte, Prenzlauer Berg und Wedding waren dieses Mal die glücklichen Bezirke, die unsere Fahrradkarawane klingelnd, hupend, rufend und trillernd durchkreuzte. Bei allerbestem Sonntagssommersonnenwetter gab es dort natürlich viele Fußgänger zu überraschen und sämtliche Facetten von Reaktionen zu sehen. Immer wieder werden wir gefragt, ob es denn nicht schwer fällt, diese fantastischen Kunstwerke herzugeben, einfach so, ganz ohne etwas dafür haben zu wollen. Und immer wieder müssen wir dann antworten: nein. Natürlich hofft man bereits beim Anfertigen der Rollen darauf, dass jemand diese einzigartige Zusammenstellung an wunderschönen Arbeiten zu schätzen weiß und ärgert sich, wenn manche der eigentlich Beschenkten die ihnen zugeworfene Kostbarkeit mit Argwohn betrachten, bevor sie sich bequemen diese aufzuheben. Doch am Ende überwiegen die großen Augen, das Lächeln, das Winken. Schlicht jene Momente, in denen man weiß, dass man ein kleines Stückchen Glück in das Leben eines Mitmenschen tragen konnte. In denen einem bewusst wird, wie selten das mittlerweile in unserer Gesellschaft überhaupt geschieht. Wir könnten daher kaum stolzer darüber sein, dass es mittlerweile viele kleine Papergirls auf der ganzen Welt gibt und immer wieder neue hinzukommen. Ginge es nach uns, hätte bald jedes Land mindestens einen Vertreter des in Berlin entstandenen Projekts und wer weiß, vielleicht glückt dieser kleine Plan zur Weltverbesserung ja auch irgendwann?
Mehr Bilder zu Papergirl #5 gibt es hier, da und natürlich dort zu bestaunen. Am Ende sind sie und das Archiv der verbliebenen Einzelwerke eines jeden Künstlers das Einzige, was vom Projekt übrig bleibt. Und dennoch haben wir alle in diesem Jahr so viel mehr als das bekommen…
Disclosure: Ich bin seit 2008 ehrenamtlich für die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit beim Kunstprojekt Papergirl tätig. Für unsere Vernissage und die Papergirl Party wurden wir in diesem Jahr freundlicherweise sehr großzügig von Beck’s gesponsert.
Ich habe mich neulich mit meinem Vater über Ausbildungen unterhalten. Über die, die er früher gemacht hat und die, die ich nie gemacht habe. Nach einiger Zeit sind wir beide unter Anderem zu dem Entschluss gekommen, das die Zimmermannausbildung wohl einer der besten ist, weil sie echt und lebensnah ist und nicht nur irgendwelches Fachwissen vermitteln möchte, sondern auch soziale Skills lehrt. Die “Walz” wäre zumindest eingutes Vorbild für so viele andere Berufe, schade das es die da nicht gibt.
Wenn einen aber niemand auf die Walz schickt, dann schickt man sich eben selbst. Und wenn man sich dann noch so einen Eigenauftrag wie Roland Roos ausgedacht hat und diesen so ausführlich dokumentiert, dann kann daraus ein kleines Meisterwerk entstehen.
“free repair” heisst die Arbeit von Roos und hat zwei Jahre lang gedauert. Dafür ist er durchs Land gezogen und sobald er etwas gesehen hat, das defekt war, hat er es fotografiert, repariert und nochmal fotografiert um eine Vorher-Nachher-Gegenüberstellung machen zu können. Nochmal: Er hat Sachen repariert, um die ihn niemand gebeten hat. Wenn er etwas defektes entdeckte, hat er nur im eigenen Auftrag gehandelt und es repariert. Umsonst. Ohne Gegenleistung. Einfach weil etwas, das kaputt ist, ja nunmal repariert werden muss. Und er hat dabei eine unglaubliche Liebe zum Detail entfaltet. Manchmal hat er nur ein Steinchen in einem Mosaik nachgebessert, das rausgefallen war, manchmal hat er aber auch aufwendigere Sachen gemacht, wie ganze Gitter zu erneuern, zum Beispiel.
Dabei sind eine ganze Menge dieser Gegenüberstellungsbilder entstanden, die man auf seiner Seite auch kaufen kann. Ein paar besonders schöne Exemplare der 99 Reperaturen, die er ausgeführt hat, sind noch zu haben. Und ich überlege tatsächlich, welches ich mir zulegen soll, einfach weil ich die Idee und die Ausführung dieser Arbeit so fantastisch finde, das ich dem Künstler etwas zurückgeben möchte. Denn was ist ein grösserer Beitrag zum friedlichen Zusammenleben, als “free repair”?
Was man Künstlern nicht alles verzeiht…So zum Beispiel auch ganz offensichtliche Style-Aussetzer, unter denen dieser junge Mann leidet. Aber einen echten Künstler interessiert die Oberfläche eben nicht und deswegen geht das auch klar: Denn was Justus von Bismark so bastelt, das finde ich mehr als grossartig. Und das vor allem ganz abgesehen von seinem, ja durchaus tollen, aber schon so oft abgefeierten “Image Fulgurartor”, der es ihm ermöglicht im Blitz von anderen Kameras Bilder auf diese zu projezieren. Super finde ich seine neue Arbeit, bei der ein Projektor die Bewegung der Kamera auf dem Film, den er abspielt, nachahmt. Okay, das klingt jetzt kompliziert. Einfach mal selber gucken:
Eine der prägendsten Eigenschaften von Street Art ist, dass sie nicht wirklich nachhaltig ist. Manches Poster hängt nur wenige Tage und die meiste Farbe wird Opfer des Wetters oder fällt manchmal direkt samt Putz von der Wand. Insofern überhaupt Zeit für die langsame Verwitterung bleibt und nicht schön längst eine neue Ladung Farbe darüber geraten ist.
Letzte Kommentare:
Luna
Neulant van Exel – Saving the Einrichtungs-Disabled
Moin moin, obercoole Sache die Badewanne. Insbesondere die Idee mit der LKW-Plane...
Joseph
Kurzfilm am Montag: Something to believe
gefällt mir SUUUUPER….
MC Winkel
Kurzfilm am Montag: Something to believe
Und BTA ist dazu auch noch ein sehr talentierter Holmes, den man wirklich mehr supporten...