Wie nennt man eigentlich Strandgut in der Stadt? Straßengut? Asphaltgut? Stadtgut? Vielleicht hat Marc Einsiedel (im grauen Shirt) eine Antwort auf diese Frage. Vielleicht auch nicht, ist ja auch egal, wer will sich schon mit Begrifflichkeiten aufhalten, wenn es doch um viel mehr geht.

Als Vorbereitung für den Workspace in der Hansestadt (die übrigens auch Einsiedels Wahlheimat ist), ist er durch die Strassen gezogen und hat nach Gegenständen gesucht, die das Großstadtleben so angeschwemmt hat. Holz. Baumaterialien, die irgendwo rumliegen und von niemandem mehr benutzt werden. Die verwaist am Straßenrand im Dreck liegen. Die niemand mehr beachtet. Marc hat seinen Blick geschärft und diese Dinge nicht mehr übersehen, sondern gesucht. Und dabei eine stattliche Sammlung zusammenbekommen, die er stolz am Morgen auf den Hamburger Workspace mitgebracht hat.

Marc Einsiedel 1

Nun fragt man sich natürlich, und vermutlich auch zu Recht: Was will der mit dem Schrott? Da kann man ja höchstens noch ein schönes Feuerchen draus machen, mehr aber nicht. Nun ja, da muss ich dann doch widersprechen, vor allem in Anbetracht des Ergebnisses. Marc Einsiedel hat sich da an einem Tag eine kleine Hütte geschaffen, die er “Favela” nennt, der Name der brasilianischen Armenviertel.

Einsiedel

Und das ist ja auch auf eine Art richtig, denn die meisten Häuser in den Favelas Brasiliens sind selbstgebaut aus den Dingen, die ihre Erbauer eben so finden. Und auch was Favelas als Großes im ganz Großen machen, macht Einsiedel hier analog als ganz Kleines im Kleinen. Denn Favelas gelten immer auch als Stadt in der Stadt. Als eine Art Paralleluniversum. Favelas haben ihre eigenen Gesetze, scheren sich nicht um Konventionen oder den Staat.

So wie Einsiedel eine kleine Oase in der Ausstellung geschaffen hat. Einen kleinen Miniworkspace im Workspace, wo alles nach seiner Nase geht, nach seinen Regeln funktioniert. Hier teilt der Hausherr noch selber das Bier aus, aus seiner kleinen, bunten Hütte mit Jägerzaun. Und das ist natürlich auch ein klares Statement, der modernen Stadt gegenüber. Einerseits schotten sich die Menschen immer mehr ab, wer kennt schon seine ganzen Nachbarn aus dem Haus, in dem man wohnt. Dafür steht so eine innere Stadt ja. Aber eben auch für die Chance alles anders, vielleicht sogar besser zu machen, als es die Städteplaner und Gentrifizierungsvorantreiber vorgesehen haben. Und da schliesst sich der Kreis ja auch wieder bestens, denn Einsiedel ist sehr engagiert als Kurator im Hamburger Gängeviertel, einer Ecke die größtenteils abgerissen werden sollte um neue, sowieso größtenteils leerstehende, hässliche Glasfassaden-Büroräume zu errichten, was aber (erstmal) nicht gelang, weil sich hamburgerische Künstler zusammengetan haben und das ganze als Riesen-Atelier besetzten, wo sie seit der Besetzung eine Ausstellung nach der anderen feiern und somit beweisen sollen, das die Räume durchaus noch wunderbar genutzt werden könnten, wenn man sie denn liesse.

Marc Einsiedel 3

Die kleine Schrotthütte mit Jägerzaun davor ist politischer als man ihr ansieht. Das ist ja eigentlich das Beste. Don´t call it Trash Art. It´s a statement. Let the city live.

 

Zu diesem Artikel
gibt es bisher noch keine Kommentare

Du kannst kommentieren, oder einen Trackback von deinem Blog aus setzen.

Diesen Artikel kommentieren