“Form follows function.” Der berühmte Satz, das Design-Mantra von Architekt Louis Sullivan ist ja mittlerweile schon ein klein wenig abgenutzt. Vor allem weil ihn so viele genutzt haben, für alles mögliche. Schön ist es aber, wenn man merkt, das da immer noch was dran ist. Und das wurde auf dem Hamburger Workspace perfekt bewiesen von Vladimir Karaleev und seiner ungewöhnlichen Melange aus Möbeltextil und Fashion Design.
Der Bulgare ist mit 19 nach Berlin gekommen, um dort “Bekleidungstechnik” zu studieren (was für ein Studiumgangs-Name!) und hat 2005 sein eigenes Label gegründet. Also sehr fleissig der Mann, wobei seine Kollektionen zwar immer so einen Touch ungewöhnliches haben, aber immer auch absolut tragbar sind. Das Stylemag zum Beispiel sagte zu einer seiner letzten Kollektionen:
“Karaleev drapiert, faltet, deutet an, bleibt unfertig und seine Entwürfe wirken wie verhuschte Skizzen. Doch diese Inszenierung des Prozesses wirkt nicht gewollt oder angestrengt soziologisch, sondern jeder Rock, jedes Kleid oder jedes Top ist im eigentlichen und oberflächlichen Sinne schön.”
Das bringt die Mode von Karaleev ziemlich auf den Punkt. Nun war er zum Hamburger Workspace eingeladen und die grosse Frage war, was er da machen würde. Denn Karaleev hat ein sehr künstlerisches Selbstverständnis, seine Modenschauen finden meistens in Galerien statt, abgesehen davon macht er auch Installationen oder ähnliche Projekte, die zumindest aus dem “tragbaren” Modekosmos losgelöst sind. Also ein “unberechenbarer” Gast. Der dann auch mal alle Anwesenden ziemlich überrascht hat.

Danach sah es am Anfang zumindest noch nicht wirklich aus. Vladimir hat sich einige Kisten aus dem TTT genommen und war den ganzen Tag damit beschäftigt, diese “einzukleiden”. Dabei nähte er schwarzen Stoff so um, das er perfekt als Überzug auf die Kisten passte.
Das sah schick aus, keine Frage. Aber dennoch: Überzüge nähen? Thats it? Versteht mich nicht falsch: Auf den Workspaces werden die Künstler mit der Maxime eingeladen, das sie wirklich machen können was auch immer sie wollen. Sie sollten nur eine relativ klare Vision dessen haben, was sie realisieren möchten und das dann vor Ort probieren. Ob es klappt, steht ja auf einem ganz anderen Blatt, aber der Weg dahin sollte ihnen schon klar sein. Das ist das Prinzip. Einzige, minimale Vorgabe ist das, bewusst weit gefasste, Thema “urban customization”. Mehr wird nicht verlangt. Nun hat man sich aber mit der Einladung an Vladimir durchaus etwas anderes vorgestellt, als umherstehende Kisten neu bezogen zu bekommen. Und sein Plan war ja auch deutlich grösser.

Die Gäste trudeln ein. Erste Ereignisse haben sie schon gesehen, die anderen Werke werden betrachtet. Das Licht im Saal wird gedimmt. Ein Spot auf das TTT und dann: Showtime!

Wenn das nicht multi-funktional ist, dann weiss ich es auch nicht. Die eben noch als Klotzbezug gesehenen schwarzen Stoffobjekte werden nun von Models vorgeführt. Als Röcke, als Kleidungsstücke! Wow. Das war tatsächlich eine Überraschung. Vor allem in der Hinsicht, das es eben nicht aussah, als wenn ein Model einen Bezug tragen würde, sondern einen für sie genähten Rock. Etwas so zu planen, das es perfekt für beide Belange passt, ohne ihm die jeweils andere Funktion anzumerken, das erfordert schon einiges an sorgfältiger Planung und Konzeption. Da staunt das Publikum zu Recht.
In einem Interview erzählt Karaleev dann auch, was er auf die Frage antwortet, die ihm immer wieder gestellt wird, nämlich das seine Stücke immer so unfertig aussähen:
“There are often threads and frayed pieces that remain unattached. I never thought about too much, but then it started to interest me. And I realized why I prefer it this way. When you leave something unfinished, then it never ends.”
Das gilt dann wohl auch für seine Gedanken zur Nutzbarkeit von Kleidungsstücken. Ich bin ehrlich beeindruckt von so klaren Visionen und der Fähigkeit, sie auch genau so umzusetzen. Wie man perfekt in Hamburg beobachten konnte.

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